Benutzerkonto erstellen
Deutsch
Name des Museums
Titel des Bildes
Zur letzten Objektsuche Zum Album hinzufügen

Farbraumkörper

Objektbezeichnung:Gemälde
Sachgruppe:A. Gemälde
Hersteller:
Graubner, Gotthard
Datierung:1974
Maße:H: 130 cm, B: 100 cm
Material:Polyestergewebe (über Glaswolle)
Leinwand
Perlontaft
Technik:Öl
"Farbraumkörper" ist eine Wortschöpfung des Künstlers, die verdeutlicht, worum es ihm in seinem Werk geht: Farbraum und Körper. Was zunächst widersprüchlich erscheint, nämlich der letztlich unbegrenzte Farbraum, der auf den begrenzten und daher auch meßbaren Körper trifft, wird bei Graubner zu einer subtilen und in sich spannungsreichen Synthese von beidem. Seit 1970, der Zeit der künstlerischen Reife, verwendete Graubner diesen Terminus für seine monochromen, hochrechteckigen Bildkörper, die weniger Gemälde im traditionellen Sinn denn selbstständige Körper oder Raumgebilde sind. So auch diese 1974 geschaffene Arbeit, bei der ein in sich äußerst subtil differenzierter, aus Schlieren, Verdichtungen, Aufhellungen oder Verdunklungen bestehender Grauton das Bild- bzw. Körperganze bestimmt.

Seine Ecken sind gerundet, seine weichen Kanten sind sanft nach hinten gebogen und die Tiefe des sich wölbenden Bildträgers hebt das ganze textile Gebilde deutlich von der dahinterliegenden Wand als Träger des "Bildes" ab. Hierdurch entsteht beim Betrachter eher der Eindruck, es bei dem Gegenüber mit einem großen Polster als mit einem Gemälde zu tun zu haben, d. h. einem sich farblich und körperlich in den Raum ausdehnenden Wesen gegenüber zu treten.

Worum es Graubner dabei eigentlich ging und geht, formulierte er 1967 bereits treffend selbst: "Meine Bilder sind Spiegel des Lichts, Quellen und Filter, sind Trampoline des Lichts. Das Licht wird von der gespannten Haut der Bilder zurückgeworfen, es dringt unter die Haut, weckt die Farben, sättigt sich an ihnen, füllt die Hohlräume und läßt den Puls der Farben durch die Haut nach außen dringen."1

Der Maler, der sich, ähnlich wie seine ebenfalls in der Kunsthalle St. Annen vertretenen Zeitgenossen Gunter Fruhtrunk, Rupprecht Geiger, Raimer Jochims oder Gerhard Hoehme, ausschließlich mit dem Licht und der Farbe auseinandersetzt, zielt hierbei allein auf ihre Suggestivität und Wirkungskraft. Er beabsichtigt, den Betrachter durch subtilste malerische Vorgehensweisen für das Licht und die Farbe zu sensibilisieren. Die unmittelbar spürbar werdende Gegensätzlichkeit von (freiem) Farbraum und (begrenztem) Körper erzeugt ein subtiles Spannungsmoment. Aus diesem Grunde ein solches Bild als monochrom zu beschreiben, ist daher im Grunde nicht korrekt, auch wenn dies der erste Eindruck zunächst nahelegt. Die Flächen sind eben nicht homogen, sondern in sich äußerst differenziert aufgebaut: "Ich bin nie ein Monochromer gewesen. Ich habe immer versucht, durch eine Gegenfarbe Bewegung zu erreichen. Mir hat damals, Ende der 50er Jahre der Pinsel nicht mehr ausgereicht. Ich habe mir also selbst ?Pinsel?, nämlich Tampons gebaut. Schwämme waren mir zu teuer. Und ich habe damit gemalt. Und da kam es zur Entdeckung, daß Farbe - ?- sich in diesen Schwamm oder Tampon hineinsog und dort eine andere Räumlichkeit hervorrief. ?Und so ist dieser Dialog entstanden zwischen Fläche und Objekt. Ich habe sie damals ?Leiber? genannt und nenne sie heute Farbraumkörper."2

Ähnlich wie bei Hoehme gewinnt das Bild Objektcharakter und stellt, indem es die Farbe selbst zum Thema erhebt, die traditionelle Auffassung von einem Bild als Fenster in Frage. Das Bild selbst als Körper und nicht das in ihm Gezeigte wird zum eigentlichen Motiv. Dennoch bleibt die hiermit verbundene Absicht des Künstlers nicht bild- oder objektimmanent: "Ich spreche immer von Malerei. Irgendwann muß etwas vorgegangen sein, wo ich mir einfach die Frage stellte: wie weit trägt Malerei sich selbst? Ohne literarische Inhalte, ohne Anlässe. Also wo die Malerei ihren Eigenwert bekommt, Energiefeld, Schwingungsfeld wird."3
Th. R.

1 Gotthard Graubner, zit. n.: Gotthard Graubner, in: Künstler, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 16, München 1991, S. 2
2 zit. n.: s.o., S. 6
3 zit. n: s. o., S. 3

Literatur:
  • Rodiek, Thorsten / Brigitte Heise / Gerhard Gerkens / Hildegard Vogeler / Ulrich Pietsch / Susanne Peters-Schildgen: Geschenkt - Gestiftet - Gekauft, Hamburg: ConferencePoint Verlag, 2003

Inventarnummer: 1978-246

Signatur: bezeichnet und datiert (rückseitig: Gotthard Graubner Farbraumkörper 1979)

Abbildungsrechte: Kunsthalle St. Annen


Ikonographie:     
Abstrakte, ungegenständliche Kunst